21. Januar 2013

Henry Ziegler Steinway (1915-2008) - Letzter aus der Familie

Henry Ziegler Steinway wurde am 23. August 1915 in der Wohnung seiner Eltern an der Park Avenue, zwischen der 52. und 53. Street geboren. An dieser Stelle stand früher das Manhattan-Werk von Steinway & Sons. Henry Z. war der Urenkel von Heinrich Engelhard Steinweg, dem Firmengründer. Sein Vater, Theodore E. Steinway, ein  begeisterter Briefmarkensammler, Amateur-Schauspieler und Bücherliebhaber, hatte im Prinzip gar kein großes Interesse an dem Familienunternehmen. Dennoch musste er 1927 mangels Alternativen aus der Familie, in die Firma eintreten und stand bis 1955 an deren Spitze.


Die Steinway-Fabrik in Astoria/Queens


Als Kind genoss es Henry Z. in den verwinkelten, staubigen Arbeitsräumen der elterliche Fabrik im Bezirk Queens zu spielen. Nach einem Studium in Harvard trat Henry Z.  1937 mit 22 Jahren in das Familienunternehmen ein. Er fing als Lehrling in der Werkstatt an und stieg allmählich auf. Nach dem Krieg wurde er 1946  Betriebsleiter. Ein Jahr später ernannte ihn sein Vater zum Vizepräsident. Als Theodore E. sich praktisch über Nacht entschied aufzuhören, übernahm Henry Z.  1955 den Chefsessel der Klavierfabrik.

Henry hatte einen sehr schweren Stand. Während des Krieges wurde in den Steinway-Werken für das Militär produziert. Die Flügelproduktion ruhte. Die Nachkriegsjahre waren auch sehr schwierig,  geändertes Konsumverhalten, die Einführung des Fernsehens, billigere Produkte aus dem Ausland brachten starke Umsatz- und Gewinneinbußen. Die gesamte amerikanische  Piano-Industrie war im Niedergang und zahlreiche renommierte Unternehmen wie Chickering, Wm Knabe, Mason & Hamlin oder Kimball mußten fusionieren oder schliessen. Henry Steinway versuchte Richard Nixon dazu zu bewegen, Zölle auf asiatische Klaviere zu verhängen, aber der amerikanische Präsident weigerte sich. Henry musste in der Folge starke Rationalisierungsmaßnahmen einleiten, um einen Übernahmeversuch von Yamaha abzuwehren.  Anfang der 1970er Jahre sah Henry schliesslich keine Möglichkeit mehr, als Familienunternehmen weiter zu existieren. Die New Yorker Traditionsfirma stand kurz vor der Pleite. Unter Druck verhandelte Henry mit dem Fernseh-Riesen CBS, der sich in Richtung Unterhaltungsindustrie diversifieren wollte. Man hatte schon den Gitarrenhersteller Fender gekauft und dachte Steinway würde gut dazu passen. 1972 verkaufte Henry Steinway & Sons an CBS. Da kein CBS-Manager etwas von Klavierherstellung verstand, entschied man  Henry Z. als Präsident zu behalten.

CBS hatte keine grosse Freude an der Investition. 1977 wurde Henry als Präsident abgesetzt und zum neuen Vorsitzenden ernannt. In dieser Funktion hatte er keine operative Funktion. Er gab diesen Titel 1980 ab, als er mit 65 in den Ruhestand ging. Henry kam aber von "seinem" Unternehmen nie los und ging bis ins hohe Alter jeden Tag in die Steinway Hall und arbeitete eifrig an seiner Corona-Smith Schreibmaschine.

Henry Steinway in seinem Büro
Steinway Hall N.Y.

Im Jahr 1985 hatte CBS von Steinway endgültig genug. Das Unternehmen hatte über die Jahre keinen Profit gebracht und passte nun gar nicht mehr in die neue, moderne Strategie.  CBS verkaufte die Klavierfabrik an zwei Geschäftsleute aus Boston, bekannt als die Birmingham Brüder für 50 Millionen Dollar. Das Unternehmen wechselte den Besitzer wieder im Jahr 1995. Die Finanzinvestoren John P. und Robert M. Birmingham verkauften das Unternehmen für rund 100 Millionen US-Dollar an die damalige Selmer Industries, weiter.  Selmer Industries war ein Band-Instrument Hersteller, die zwei Investmentbanker von der bankrotten Drexel Burham Lambert Finanzfirma übernommen hatten. Henry Steinway war über diesen Verkauf sehr beunruhigt: "Ich dachte, jetzt geht es richtig den Bach runter. Zwei Finanzmagier, die keine 40 Jahre alt sind. Dies ist das Ende. Jetzt wird Steinway sicher liquidiert werden."




Die beiden Investmentbanker, Dana Messina und Kyle D. R. Kirkland, änderten den Namen "Selmer Industries" in "Steinway Musical Instruments" und brachten das Unternehmen 1998 an die New Yorker Börse. Da alle Buchstabenkombinationen von S und T bereits belegt waren, entschieden sie sich für das vielsagende Aktienkürzel "LVB". Sie schafften es,  auf Kosten einer steigenden Verschuldung, das Unternehmen am Leben zu erhalten. In Folge der Finanzkrise 2008 war aber die Schuldenlast zu hoch und sie mussten einen finanzstarken Investor an Bord holen, der Konkurrent und Massenhersteller Samick aus Korea übernahm das grösste Aktienpaket.




Wie sein Urgroßvater, der Firmengründer Heinrich Engelhard, wusste Henry Z. mehr über den Bau von Klavieren und Flügeln, als über die wunderbare Musik, die sie gespielt haben. Er gab oft und gern unumwunden zu, dass er gar keine Ahnung  hatte über "Beethovens dies" oder "Beethovens jenes". Er gab auch zu, sehr oft Klavierunterricht gehabt zu haben, war aber immer unfähig gewesen selbst etwas simples zu spielen.


steinway
Heinrich Engelhard Steinweg

Bis zu seinem Tod blieb er dem Unternehmen äusserst verbunden. Er arbeitete zuletzt an der Rekonstruktion des Firmenarchivs. Henry war ein sehr gern gesehener Gast bei Industrieveranstaltungen und Messen und diente der Firma als "Good Will" Botschafter. Er besuchte Händler, sprach mit Künstler und als letzter aktiver "Steinway" pflegte er das Familienerbe mit grossen Eifer. 2007 erhielt von Präsident George W. Bush die "National Medal of Arts" für seine "Hingabe an die Bewahrung und Förderung handwerklicher Qualität und Leistung".


im Weißen Haus 2007

Henry Z. Steinway starb zu Hause in Manhattan am 18. September 2008. Mit ihm endete die familiäre Verbundenheit an dem Unternehmen.